Tief im Dschungel – Imagine Light im Amazonas von Ecuador (Teil III)

 
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Nun warteten Nemonpare und Kiwaru auf uns, die zwei letzten und ganz besonders abgelege Regenwaldgemeinden. Das ganze Team war voller Vorfreude. Wir hatten zwar schon viel von den beiden Waorani-Gemeinden gehört, von ihrer unglaublichen Schönheit und der Herausforderung, dorthin zu gelangen, aber erst das Erleben dieser Reise ließ uns die Worte wirklich verstehen.

Wir verließen Lago Agrio und erreichten nach einer sechsstündigen Fahrt durch die scheinbar unendliche, atemberaubende, grüne Hügelandschaft das deutlich kühlere Puyo. Dort verbrachten wir eine Nacht, um am nächsten Morgen nach Pitacocha aufzubrechen, dem Ort, an dem bereits unsere Kanus und die Ausrüstung warteten.

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Schon begann das nächste Abenteuer. Wir luden einige unserer Materialien in die Einbaumkanus. Anschließend sprangen wir selbst hinein. Die Kanus waren nicht mal einen Meter breit, so mussten wir uns mit im Schneidersitz in eine Reihe hintereinander setzen. Wie lange die Fahrt wohl dauernd würde? Die Beine kribbelten schon jetzt.

Wie sie uns schon vorgewarnt hatten, war das Wasser des Flusses zu niedrig, das Kanu lief mehrfach auf Grund, wir mussten es immer wieder anschieben. Uns wurde klar, wir sehr die Geschwindigkeit und der gleichmäßige Verlauf der Fahrt von der Menge des Regens abhängig sind. Die Kanus können nur dann ungehindert gleiten, wenn genug Wasser in den Flüssen ist, doch durch den Klimawandel verschieben sich auch die Regenzeiten im Amazonas. Der Lebensrhythmus der indigenen Völker steht im Einklang mit den Rhythmus der Natur, den Flüssen, dem Tages- und Jahresverlauf. Ich dachte, dass es sich mit den Flüssen wie mit unserem Leben verhält. Wenn wir unseren Körper, unseren Geist und unsere Seele mit positiver Energie füllen, dann ist unser Leben im Fluss, alles fließt besser und ruhiger. Das ist es, was ich an der Natur liebe – sie lehrt uns so viel.

Nachdem sich mein Gleichgewichtssinn an die Herausforderung angepasst hatte, wir mehrfach aus dem Einbaumkanu springen mussten, um es im flachen Wasser leichter zu machen und Wasser heraus zu schöpfen, gewöhnte ich mich an die Fahrt. In den folgenden acht Stunden zogen wie in einem Traum die wunderschönen Landschaften entlang des Flusses Curaray (Waorani für Papagei) an uns vorbei. So bewegen sich die Menschen hier in ihrem alltäglichen Leben. Keine Straßen, nur diese wunderbare Landschaft, die dir den Atem raubt, umgeben von scheinbar unendlicher, üppiger Vegetation. So weit weg vom Leben in der Stadt, wie wir es kennen.

Ein hoch über das Dschungeldach ragender Ceibo-Baum zeigte uns an, dass wir das Territorium der Waorani erreicht haben. Er markiert die Grenze zwischen der Heimat der Quechua und der der Waorani. Schon sahen wir erste Gemeinden am Flussufer liegen, doch unser Ziel, Nemonpare, lag noch einige Kurven flussabwärts.

Ich war erstaunt über die Widerstandsfähigkeit dieser Einbaumkanus. Die Einheimischen erklärten uns, dass sie erst einen Baum fällen, ihn dann aushöhlen und mit der Rinde arbeiten. Mit einer Axt geben sie dem Kanu seine Form. Anschließend wird das Kanu in brennendem Laub so lang erhitzt,  bis alle Feuchtigkeit ausgetreten ist und es dadurch ganz leicht geworden ist. Sie nutzen „Chuncho-“ und „Cedro-“Bäume. Vier Personen brauchen etwa einen Monat, um ein Kanu herzustellen.

Nemonpare – in Nemons Bucht

Schließlich erreichen wir Nemonpare. Ab dem Moment, an dem unsere Füße den Boden betraten, fühlten wir die Magie dieses besonderen Ortes. Die Einheimischen empfingen uns mit unendlicher Herzlichkeit am Flussufer und reichten uns Bananenstauden, die wir nach der langen Reise dankbar in Empfang nahmen und gleich verspeisten.

Hier schliefen wir im schönsten aller Schlafgemächer, einer wunderschönen, nach außen offenen Hütte mit einem schützenden Palmendach. Zugleich geborgen und doch nicht durch eine Wand von der Natur getrennt, hatte ich das Gefühl wirklich mitten im unermesslichen Amazonas zu liegen. Die lauten Geräusche der Papageien in den Bäumen, die raschelnden Hühner, die schlafenden Hunde neben uns, die Sterne, die auf uns herab schauten und all die anderen kleinen und nicht so kleinen Lebewesen um uns herum, die die schönsten Geräusche machten – es war als ob die Natur uns ihre besten Wächter geschickt hatte, um über unseren Schlaf zu wachen.

Das Mondlicht auf meinem Gesicht spürend lag ich wach und wollte in diesen Nächten in Nemonpare fast nicht einschlafen, um dieses wunderbare Geschenk noch betrachten und in mir aufsaugen zu können, große Dankbarkeit durchströmte mich.

 Kostbare Momente, fast zu schön, um die Nächte schlafend zu verbringen.

Kostbare Momente, fast zu schön, um die Nächte schlafend zu verbringen.

Während die Tage vergingen, konnten wir beobachten, wie selbstsicher alle Solartechniker geworden waren, wie geschickt und geübt sie jeden Installationsschritt durchführten und sich gegenseitig in ihren Fähigkeiten ergänzten, wahre Teamarbeit. Alle Zweifel oder Sorgen, die wir zu Beginn gehabt haben mochten, waren verflogen.

Nach getaner Arbeit gingen wir jeden Tag schwimmen, wir genossen beim abendlichen Bad im Fluss das tief-organge Licht des Sonnenuntergangs auf unseren Körpern, Schlammmaske inklusive. So viel Schönheit überall!
Wir besuchten auch einen Wasserfall bei Nemonpare, dafür stiegen wir für etwa 20 Minuten in ein Kanu und liefen dann ins dichte Grün. Kein Weg war zu erkennen, nur dichte Vegetation. Doch Opi, so nannten wir unseren Koordinator der Waorani Oswaldo, schlug uns den Weg mit seiner Machete frei, alles wächst hier sehr schnell, die Pfade verschwinden binnen weniger Tage wieder im Grün.

Unser Ausflug wurde von zwei kleinen Waorani-Kindern begleitet, einem Jungen und einem Mädchen. Zu unserer Überraschung war das kleine Mädchen barfuß, während wir in Gummi- und Wanderschuhen steckten. Barfuß schien uns keine Option. Doch sie schien den mit Riesenameisen bedeckten Boden gar nicht zu berühren, sie rannte fröhlich darüber hinweg. Wir waren fasziniert. Nachdem wir einen steilen, rutschigen Hügel erklommen hatten, hörten wir das Rauschen fallenden Wassers und sahen den feinen Nebel, der aus dem Dickicht hervorkroch. Wir waren am Ziel. Nur Sekunden später genossen wir das erfrischendste und energetisierendste Bad unseres Lebens. Die Energie und die Kraft des Wasserfalls auf unseren Schultern spürend, wurde uns ein weiteres mal bewusst und bestätigt, wie wichtig der Wunsch und der konstante Kampf der Völker ist, Orte wie diesen zu schützen und zu bewahren – Schätze ihrer Ahnen.

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In Nemonpare trafen wir auch Onguime und ihren Mann Camilo, freundliche, warme Menschen. Onguime zeigte und lehrte uns mit viel Enthusiasmus ihr Handwerk. Sie nahm uns sogar mit auf einen kleinen Ausflug um die Gemeinde, um uns die Pflanzen, Samen und die verschiedenen Blätter der Bäume zu zeigen, die sie für ihr Kunsthandwerk, als Medizin und als Nahrung verwendet. Die Natur stellt alles zur Verfügung.

Als ich ihr Haus passierte, lud Camilo mich ein, hereinzukommen. In unserer Unterhaltung schilderte er mir seine Frustration über die früheren Projektideen von anderen Organisationen, die große Dinge versprochen hatten, aber nie in den Regenwald zurück gekehrt waren, um sie in die Realität umzusetzen. Er erzählte von Menschen, die hunderte von Seiten darüber schrieben, was getan werden muss ohne die Gemeinde, ihre Bedürfnisse und Ideen miteinzubeziehen. Er sei glücklich über das Solarprojekt, ihre Vision sei Realität geworden. Projekte wie IMAGINE LIGHT nennen sie “lightening projects”, Blitzprojekte, weil ihre Umsetzung keine Ewigkeit braucht. Diese Unterhaltung fand am ersten Abend statt, an dem Nemonpare Licht hatte. IMAGINE LIGHT!

Es war schon dunkel, aber Onguime webte eine schöne Chambira-Tasche, zum erstem Mal in ihrem Leben im Schein des Lichts. Die Kinder standen um sie herum, die Großmutter kam dazu, natürlich saß auch ihr Haustier, der rote Papagei, auf dem Türrahmen. Es war als wolle die ganze Familie zusammen feiern, in ihrer eigenen, leisen Art und Weise.

Webend begann Onguime zu singen. Ich fragte Camilo, ob er mir sagen könne, was ihre Worte bedeuten. Er erklärte, dass sie über uns sänge, die Menschen, die aus der Fernen gekommen sind, um sie zu unterstützen und darüber, wie dankbar sie sind. Diese Dankbarkeit im Gesang ausgedrückt zu hören und ihr dabei zuzusehen, wie sie tut, was sie liebt, war ein weiteres Geschenk!

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Camilo erklärte uns, dass Teile des Territoriums der Waorani immer noch unberührt von der Ölindustrie sei und dass es noch viel Nahrung gäbe und Tiere für die Jagd und die Fischerei. Sein größter Traum sei es, sein Land so wie es ist zu bewahren und es vor den Firmen, den Siedlern und ihren Eingriffen zu schützen. Am Ende erzählte er, wie glücklich er sei nun Solarstrom und Licht zu haben, bisher gab es nur Kerzenlicht und der Erwerb der Kerzen sei sehr teuer und zeitaufwändig. Sie mussten Benzin kaufen, um mit dem Kanu tagelang in die Stadt zu fahren (und wir wissen nun aufgrund unserer eigenen Erfahrung, welchen Aufwand dies bedeutet), in der Stadt brauchten sie eine Unterkunft und Verpflegung. Er freue sich, dass sie ab sofort dafür kein Geld mehr ausgeben müssen.

Zu diesem Zeitpunkt lieferten bereits sieben neue Solar-Systeme Strom in Nemonpare. Es war Zeit, zur letzten Gemeinde zu reisen. Danke Nemonpare, du bist für immer in unseren Herzen.

Die letzten Tage in Kiwaru

Da der Fluss immer noch nicht tief genug war, hatten wir zwei Optionen: die Kanufahrt, die aufgrund des Wassermangels und der vielen Kurven viele Stunden dauernd würde oder ein Fußmarsch durch den Dschungel. Wir entschieden uns für Zweiteres. Wer würde nicht die Gelegenheit ergreifen den Amazonas von Ecuador, nachweislich die artenreichesten Regionen mit der höchsten Biodiversität der Welt zu erwandern? War ich bereit? Nicht wirklich, aber ich wollte es auf jeden Fall versuchen...

Gaba aus Nemonpare, einer der Solar-Techniker, und sein 12jähriger Sohn Romel leiteten uns, auch wenn am Ende Romel klar die Führung übernahm. Er war sehr schnell, es war schwer für mich Schritt zu halten. Ich bin noch immer erstaunt, wie die Einheimischen einem Pfad folgen, der für mich kaum zu erkennen ist. Mir fällt es oft schwer, mich zu orientieren. Ich lief so schnell, wie ich konnte. Als wir an eine Stelle kamen, wo wir einen Bach überqueren sollten, fühlte ich mich, geboren in Costa Rica, beim Anblick der Natur an die mir bekannten karibischen Strände versetzt. Der gelbe, sandige Boden, die üppige Vegetation, die Zweige, die ins Wasser ragen, ein paradiesischer Anblick. Als ich mein Gesicht ins Wasser tauchte, fühlte ich die Frische und Reinheit dieser noch unverschmutzten Gegend. Meine Batterien waren aufgeladen, ich bin bereit, weiter zu laufen.

Nach zweieinhalb Stunden duckten wir uns ein letztes Mal durch die dichten Büsche und Bäume und erreichten einen kleinen Grünstreifen unweit von Kiwaru, der letzten Gemeinde unserer Projektreise. Vor uns lag eine von der Gemeinde aufwendig gepflegte Graspiste, die Start- und Landebahn, auf der kleine Propellermaschinen landen können. Wir begrüßten die ersten Familien und bekommen sofort „Chicha“ angeboten.  Nach einer Weile hörten wir die Kanu-Motoren. Unsere Taschen und der Rest der Werkzeuge und Materialien waren eingetroffen. Wir luden alles zusammen mit den Mitgliedern der Gemeinde aus und verstauten es in einem Haus, das eigentlich für Gemeindeversammlungen genutzt wird. Wir sahen uns nach dem idealen Ort um, um unsere Moskitonetze aufzuspannen und waren bereit, am nächsten Morgen mit der Arbeit zu beginnen.

In den Nächten in Kiwaru faszinierte mich der atemberaubende Sternenhimmel, zuvor war mir gesagt worden, dass man von Ecuador aus die gesamte Milchstraße sehen kann. Der Blick nach oben offenbarte den magischsten und überwältigendsten Nachthimmel, den ich je gesehen habe. Nachdem die Sterne nach und nach sichtbar wurden, begonnen Wolken sie langsam zu verdecken, Nebel stieg vom Boden auf, der Mond schien hell und die Umrisse der Häuser und Berge machten den mystischen Anblick perfekt. Staunend wurden wir Zeugen dieses Wunders. Später brachte Ignacio, einer der Techniker, seine Gitarre, wir sangen gemeinsam im Schein von Mond und Sternen, ein Moment, der uns für immer in Erinnerung bleiben wird.

Nach fünf Tagen war auch unsere gemeinsame Mission in Kiwaru vollendet. Mit der Installation der letzten acht Systeme, ging die Projektreise zu Ende. Durch den gemeinsamen Einsatz der drei Organisationen LOVE FOR LIFE, ClearWater und der Alianza Ceibo wurden insgesamt 44 Solaranlagen im Amazonas von Ecuador installiert. Wir haben nicht nur Erfahrungen, sondern auch Erinnerungen gesammelt, die uns für immer begleiten werden. Wir haben nicht nur viel über Solarenergie gelernt, sondern auch über Teamarbeit, darüber, Menschen zu ermächtigen und vor allem haben wir Demut gelernt und gegenseitigen Respekt, was unsere Unterschiedlichkeit und unsere Bedürfnisse betrifft.

 Abschied nehmen. Dankbar und glücklich.

Abschied nehmen. Dankbar und glücklich.

Es war eine lange Reise, Wehmut macht sich breit. Die fünf Gemeinden und ihre Bewohner hatten einen Teil unserer Herzen „gestohlen“, der für immer hier bleiben würde. Es war Zeit, sich zu verabschieden und als Person, die nah am Wasser gebaut ist, fallen mir Abschiede wirklich sehr schwer. Aber unsere neuen Freunde machten es uns leicht, einige der Techniker warteten auf das kleine Flugzeug, das sie und später auch uns aus der Gemeinde bringen sollte und bevor ich sie überhaupt fest umarmen konnte, saßen sie bereits darin. Ich erinnerte mich daran, dass sie mir erzählt hatten, dass ein Waorani, der einen Ort verlassen muss, ganz einfach geht. Ich liebe diese unkomplizierte Sicht der Dinge, die nicht anhaftet!

Wir sind zu einer großen Familie zusammengewachsen. Und wie es Familien so eigen ist, haben wir unsere eigene Art und Weise gefunden, Dinge zu tun und gemeinsam zu leben. Wir verließen den Amazonas und seine Menschen in dem Wissen, dass die Erinnerungen und Erfahrungen bleiben, in der Hoffnung uns wiederzusehen, um diese Arbeit fortzusetzen und weiteren Gemeinden Licht und den nachhaltigen Zugang sauberem Strom zu ermöglichen. All das war erst der Anfang!

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Thank you – Wakebi – Reoji – Chiga tsu afepoenjan – Gracias – Dankeschön!

 

Autorin: Rose Alvarez
Übersetzung: Julia Bär
Fotos: Hanna Witte

 
Rosemary Alvarez