Licht an – Imagine Light im Amazonas von Ecuador (Teil II)

 
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Als das Intensivtraining der Techniker vorbei war, war es Zeit ins Feld aufzubrechen und die Systeme bei den Familien in den Regenwaldgemeinden zu installieren. Dies war mit harter körperlicher Arbeit verbunden, dem Be- und Entladen des schweren Materials (60kg schwere Batterien, Montagesysteme, Solarmodule, Elektronikkästen, Werkzeuge, Kabelrollen, Zement, etc.) – eine Aufgabe, die uns bei aller Freude ganz schön ins Schwitzen brachte. Alle Materialien, Taschen und Zelte wurden auch die nächsten Wochen immer wieder in Kanus ein- und aus Kanus ausgeladen, eine Aufgabe, die wir ohne die Unterstützung der Familien, für die das Alltag ist, kaum hätten bewältigen können. Die Häuser der meisten Gemeinden lagen nicht dicht beieinander, einige lagen auf einem steilen Hügel oder auf der anderen Seite des Flusses, wir mussten mit den kostbaren, schweren und unhandlichen Komponenten auf wackligen Baumstämmen laufen, die als Brücken dienten, um kleine Flüsse und Schluchten zu überqueren...

Wir begannen unsere Reise, allesamt in freudiger Aufregung. Einige aus unserem Team hatten die Gemeinden bereits in der Projektvorbereitung besucht, für andere war der Amazonas von Ecuador völliges Neuland. Auch die indigenen Techniker hatten zuvor nie eines der anderen Territorien besucht. Keiner von uns konnte seine Vorfreude verbergen, die Gemeinden, die die ersten 44 Solaranlagen erhalten sollten, zu besuchen und dort das Licht leuchten zu sehen.

 Die Komponenten der Solar-Anlagen gehen wie auch unser Team per Kanu auf die Reise zu den Familien.

Die Komponenten der Solar-Anlagen gehen wie auch unser Team per Kanu auf die Reise zu den Familien.

Bavoroe – der Platz des Fischers

Von Lago Agrio fuhren wir zuerst mit dem Auto und Lastwagen entlang der Ölstraße, um die Kanustation am Fluss Aguarico zu erreichen. Dort warteten die Kanus auf uns, die uns nach Bavoroe zum Volk der Cofán bringen sollte. Dort wollten wir ingesamt elf Solaranlagen installieren. Da die Komponenten so schwer waren, mussten die Kanus mehrfach hin und her fahren. Wir wollten keinesfalls die Gefahr eingehen, dass Teile unserer wertvollen Fracht im Wasser landen.

In Bavoroe angekommen, durften wir unsere Zelte in dem Haus von Ignacio, einem unserer Solar-Techniker, aufbauen. Dann machte sich die Gruppe auf die Suche nach dem perfekten Ort für die Installation der ersten Anlage. Dies war der Moment, an dem es zum allerersten Mal an die tatsächliche Installation einer Anlage ging, also an die Umsetzung dessen, was die Techniker in den vergangenen neun Tagen gelernt hatten.

Wir wachten jeden Tag bei Sonnenaufgang auf, frühstückten gemeinsam und begannen dann mit der Installation der Anlagen. Es war wichtig, die ersten Stunden des Tages zu nutzen, bevor die Hitze alles im Griff hatte. Obwohl es eigentlich keinen Unterschied machte. Die Techniker und das ganze restliche Team arbeiteten hart, egal wie heiß und schwül es war. Es schien, als waren die Hitze und die hohe Luftfeuchtigkeit nur eine weitere Motivation die Arbeit fortzuführen und einer weiteren Familie ihr eigenes Solarsystem zu installieren – ein Antrieb, die Generatoren verstummen zu lassen oder für viele, die noch nie Zugang zu Elektrizität hatten, erstmals überhaupt Licht und Elektrizität in die Gemeinden zu bringen.

Es ist ein endloser Teufelskreis: die Cofán-Familien, die es sich leisten können, nutzen Diesel-Generatoren, um abends Licht zum Arbeiten und Leben zu haben. Für den Kauf des Treibstoffes sind sie wiederum auf die Ölfirmen angewiesen, die ihre Territorien verschmutzen, ihre Heimat ausbeuten und sie in ihrem Überleben bedrohen.

Bavoroe liegt nur wenige Minuten vom Fluss entfernt, so war neben den Mahlzeiten (körperliche Arbeit macht hungrig) das abendliche Bad im Fluss ein täglicher Höhepunkt nach den schweißtreibenden Arbeitstagen. Für die Einheimischen muss es sehr lustig ausgesehen haben, wie wir Gäste in Gummistiefel, Bikini und Handtuch gehüllt unserem täglichen Ritual nachgingen.

Eines Nachts saßen wir alle zusammen, Ignacios Bruder spielte Gitarre und wir sangen dazu. Doch die Stimmung wurde getrübt vom Anblick des verfärbten Himmels. Die sogenannte Abfackelung, das Verbrennen der Abfallstoffe und Gase, die bei der Ölförderung entstehen, lässt den Himmel regelrecht “brennen” und ist damit kilometerweit zu sehen. Wir haben im Verlauf unserer Reise gelernt, dass es im Amazonas von Ecuador mehr als 330 dieser Ölfackeln gibt, die immerzu brennen und die umliegende Flora und Fauna zerstören und sauren Regen verursachen. Die enorme Flamme, die den Himmel erleuchtet, erlischt nie.

 Viele Kilometer entfernte Ölfackeln tauchen den Himmel in brennendes Licht.

Viele Kilometer entfernte Ölfackeln tauchen den Himmel in brennendes Licht.

Neben den belebenden Flussbädern bescherten uns auch die Kanufahrten durch den Amazonas unvergessliche Momente. Den kühlen Fahrtwind auf der Haut spürend, boten sie die perfekten Gelegenheit die atemberaubende Landschaft zu bewundern. Der Anblick des Dunstes, der nachts vom Fluss austeigt, war von mystischer Schönheit und ließ uns den Wunsch verspüren, die Zeit anzuhalten.

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Ukavati – im Land der unsichbaren Männer

Es regnete heftig, wie es im Regenwald üblich ist, und es schien, als würde der Regen nicht so bald enden, also machten wir uns nichtsdestotrotz auf den Weg in die nächste Gemeinde: Ukavati. Wir zogen unsere Regenjacken an und stiegen ins Kanu ins „Land der unsichtbaren Männer“.

Es schüttete weiter wie aus Kübeln und wir folgten dem Flusslauf durch das üppige Grün, unzählige kleine Wasserfälle säumten das Ufer, die einzigen Hindernisse waren Äste und Bäume, die ins Wasser gestürzt sind, doch unsere Bootsführer umlenkten diese geschickt.

Uns wurde schmerzhaft bewusst, dass unsichtbar unter all dieser Schönheit, Boden und Wasser vom Öl verseucht sind, was es den Bewohnern fast unmöglich macht, gesunde Fische zu fangen. Sauberes Wasser zum Trinken, Kochen, Waschen und Baden gibt es in den Flüssen und dem Boden der Cofán nicht mehr, allein Regenwasserauffangsysteme versorgen sie mit diesem lebenswichtigen Gut.

 Die Schönheit der Natur täuscht auf den ersten Blick über die Zerstörung und Vergiftung hinweg.

Die Schönheit der Natur täuscht auf den ersten Blick über die Zerstörung und Vergiftung hinweg.

Acht Solarsysteme wollten hier installiert werden, die Bewohner von Ukavati halfen uns beim Entladen und Transport. Männer, Frauen und Kinder arbeiteten einträchtig zusammen und nahmen die kostbaren Materialien mit einem Lächeln auf ihren Gesichtern in Empfang.

Der Regen hatte die Luft angenehm erfrischt, wir tauschten unsere durchnässten Kleider gegen trockene und begannen unsere Zelte aufzuspannen. Am nächsten Tag waren wir bereit, mit der Arbeit zu beginnen, wir waren gespannt, wie schnell wir jetzt – geübt durch die Installation der ersten elf Systeme – voran kommen würden.

Während wir mit den freundlichen Bewohnern der Gemeinde Ukavati zusammen lebten und arbeiteten, trafen wir Aurelio Quenama, einen 84jährigen Ältesten der Cofán, der uns voller Freude in sein Zuhause einlud, um uns zu zeigen, wie er aus der Chambira-Pflanze Kämme fertigt. Er erzählte, dass er für einen Kamm ca. einen Tag benötige, sein Vater hätte ihm dieses alte Handwerk gelehrt. Heute verkaufe er die Kämme an Besucher. Er zeigte uns die Fasern und deren Verarbeitung, er rollt die Fasern immer wieder auf seinem Oberschenkel, bis starke Fäden entstehen und er genug für einen Kamm hat.

Ich verschaffte mir etwas Überblick im Raum und konnte erkennen, dass wir uns in der Küche befanden. Ich sah eine Gruppe von Frauen, die zusammensaßen und kochten, einige gingen ihrem Kunsthandwerk nach. Und ich dachte darüber nach, wie sich ihr Leben nun ändert, nun da sie allem – ob Kochen, Erwerbstätigkeit oder einfach nur Gemeinschaft leben – auch vor Sonnnenauf- und nach Sonnennuntergang (morgens und abends, jeweils 6 bzw. 18 Uhr am Äquator) nachgehen können, wenn es kühler ist und sie nicht von lästigen Sandfliegen gestört werden.

In Ukavati trafen wir auch auf viele lebendige, fröhliche Kinder, dabei sind mir besonders Michael und José in Erinnerung geblieben. Michael versuchte immer und überall zu beweisen, wie stark er war (und das war er in der Tat). Es war beeindruckend, ihm beim Bäume Schneiden und beim Tragen schwerer Dinge zuzusehen. Er hörte beim Herumlaufen immer seine Lieblingsmusik auf seinem Handy, "Bachata". Und dann war da José, ein sehr sanfter und fürsorglicher Junge, stets zur Stelle, wo Hilfe benötigt wurde.

Bei einem 30-minütigen Spaziergang tief in den Regenwald von Ukavati führten sie uns zu einem Ceibo-Baum. Wie gebannt standen wir vor ihm und staunten über seine atemberaubende Schönheit und seine Präsenz – der größte Baum, den ich je gesehen hatte. Allein schon seine Wurzeln hatten die Größe eines Baumes, wie wir ihn kennen. Inspiriert von diesem Anblick begannen wir über den Reichtum und die Vielfalt der Flora und Fauna auf unserer Erde nachzudenken, die Energie und die Stärke, die sie verkörpern. Sie machen unser Leben erst möglich. Die Natur ist in ständigem Wandel und in ihrem Reichtum nicht zu erfassen, sie füllte unsere Herzen mit Ehrfurcht.

Fünf Tage später waren acht Häuser verkabelt und mit Solaranlagen und energieeffizienten LED-Lichtern ausgestattet. Wir verabschiedeten uns in der Hoffnung von Ukavati, diese schöne Gemeinde eines Tages wieder zu besuchen.
 

San Pablo

Nun wartete San Pablo auf unsere Ankunft. Nach einem zweistündigen PKW/LKW-Trip erreichten wir das Territorium der Secoya. Wir begannen am Aguarico unsere Kanus zu beladen, die uns an unser Ziel bringen würden. Dort angekommen, hieß uns direkt neben unserem vorübergehenden Zuhause ein prächtig blühender Pomarrosa-Baum (Rosenapfel) willkommen, er breitete uns einen pinken Blütenteppich und bot uns seinen wohltuenden Schatten. Wir verräumten unser Gepäck, bereiteten unsere Matratzen und Moskitonetze für die Nacht vor und waren bereit, die Arbeit in der dritten Gemeinde zu starten.

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In San Pablo trafen wir Benancio, einen netten, gastfreundlichen Mann, der uns einige seiner größten Kokosnüsse zum Trinken servierte. Er war allein zuhause, seine Frau und seine Kinder waren krank und mit dem Kanu in das nächste Dorf mit einer Gesundheitsklinik gefahren, um sich medizinisch behandeln zu lassen. Wir tranken dankbar das Kokoswasser. Benancio erzählte uns von den Problemen mit den Siedlern im Territorium der Secoya. Er beschrieb, wie sie immer tiefer eindringen und Palmplantagen anpflanzen, die sie mit Chemikalien behandeln, die wiederum Erde und die Flüsse vergiften.

Benancio betonte auch, dass es immer weniger Tiere gäbe und sie wegen der unzureichenden Jagderfolge immer öfter in die Städte fahren müssten, um “normales” Essen zu kaufen. Doch das Geld reiche nicht, alles sei sehr teuer geworden und sie verdienen nicht genug. Derzeit bauen sie Reis an, doch sie erhalten kaum Geld dafür, 40$ für 100 Kilo. Er sagte „sie haben unser Land ausgebeutet und alles, was wir dafür bekommen haben, ist wie Sklaven behandelt zu werden. Die Regierung hilft nur denen, die Geld haben.” Früher konnten sie mit $40 Hosen, Schuhe und ein T-Shirt kaufen, heute ist das unmöglich.

In San Pablo nahm unsere Arbeit sechs Tage in Anspruch. Dann war es Zeit zurück nach Amisacho zu kehren, unserem Headquarter in Lago Agrio, um uns dort ein wenig auszuruhen und die nächste Etappe ins Territorium der Waorani vorzubereiten. Danke, liebe Secoya, es war schön bei euch!

Freue dich auf Teil III des Projektreisetagebuches, da empfangen uns die entlegenen Regenwaldgemeinden Nemonpare und Kiwaru...

 

Autorin: Rose Alvarez
Übersetzung: Julia Bär
Fotos: Hanna Witte

 
Rosemary Alvarez